„Politikerin in Bearbeitung“

anna durnova

Sie ist jung, proeuropäisch, mehrsprachig und eine erfolgreiche Wissenschaftlerin. In Brno (Brünn) geboren, lebt und arbeitet sie heute in Wien, hat aber auch schon einige Zeit in Frankreich und Großbritannien verbracht. Nun kämpft Anna Pospěch Durnová für die tschechischen Grünen um einen Platz im Europäischen Parlament. 

Ihre Website heißt evropanka.com, die Europäerin. Wie zeigt sich ihre europäische Identität?

Ich fühle mich nicht nur als Tschechin, aber auch nicht nur als Wienerin oder Österreicherin. Wenn ich über meine Identität nachgedacht habe, bin ich immer zu dem Schluss gekommen, dass ich Europäerin bin. Ich denke, dass nicht nur ich so fühle. Banal ausgedrückt: junge Studenten gehen auf Erasmus, verlieben sich, bleiben in dem jeweiligen Land, gründen eine Familie. Diese Menschen lassen sich dann ungern in eine nationale Schublade stecken, sie fühlen sich nicht mehr nur einer einzigen Nation zugehörig. Wir werden in Zukunft noch viel mehr darüber nachdenken müssen, wie wir damit umgehen.

Finden Sie es nicht komisch bei der Europa-Wahl für Tschechien zu kandidieren, wenn Sie eigentlich in Wien wohnen?

Nein, ich finde es eben europäisch. Ich bin nicht die Einzige, die irgendwo aufgewachsen ist, anderswo studiert hat, woanders nun arbeitet und Familie gegründet hat. Europa kann mehr als in nationalen Schubladen denken, das muss es sogar um etwa das Pensionssystem oder das Kindergeld für EU-Bürgerinnen und Bürger organisieren zu können. Auch darauf wollte ich mit meiner Kandidatur aufmerksam machen.  Außerdem habe ich persönlich gelernt, dass man sich selbst und seiner Herkunft erst im Ausland bewusst wird. Strategisch gesehen kann  man sagen, dass es besser ist, die Verhandlungspartner gut zu kennen, als nur das eigene nationale Lager.

Wie sieht für Sie ein ideales Europa aus?

Wenn Europa toleranter, gebildeter und emanzipierter ist, dann ist es ein Europa, in dem ich gut atmen kann. Ich wäre froh, wenn wir die aktuelle Kritik europäischer Institutionen damit verbinden könnten, dass wir die Hoffnung in dieses tolerante, gebildete und emanzipierte Europa nicht verlieren. Wir sollten offen und effektiv darüber diskutieren, wie es weitergehen soll, ohne Europa zu idealisieren. Gleichzeitig sollten wir Europa aber nicht aufgeben.

Warum entscheidet man sich als junge Frau am Beginn einer erfolgreichen wissenschaftlichen Laufbahn als Politologin für einen Karriere als Politikerin?

Ich komme von der „anderen“ Seite. Ich habe mich mit politischen Institutionen und Bürgerbewegungen beschäftigt und zu Emotionen in der Politik geforscht. Den Politikern auf die Finger zu schauen, ist meine Aufgabe. Deshalb war der Reiz da, auszuprobieren, wie es sich anfühlt, selbst beobachtet zu werden. Gleichzeitig finde ich es aber übertrieben, von mir jetzt als Politikerin zu sprechen. Ich möchte nicht gerne in Schubladen gesteckt werden.

Was schreiben Sie stattdessen auf Ihre Visitenkarte?

Mit meiner europäischen Identität will ich zeigen, dass es auch eine positive Definition von Europa gibt. Außer „Europäerin“ würde ich auf meine Visitenkarte wohl „Politikerin in Bearbeitung“ schreiben. Ich werde den Versuch wagen und ihn bei der Europawahl evaluieren. Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Die eine ist, dass ich weitermache und Politikerin werde. Die andere Möglichkeit ist, in der Wissenschaft zu bleiben. Dieser Versuch hilft mir auf alle Fälle weiter, die Komplexität der Politik zu verstehen. Das hat mich immer am meisten interessiert.

Anna Durnová wurde in Brünn geboren und lebt seit 1997 in Österreich. 1998 legte sie mit Auszeichnung in Brünn das Abitur ab, 1999 machte sie in Wien Abitur und begann zu studieren. Im selben Jahr ging sie zurück nach Tschechien, absolvierte ein Doppelstudium in Wien (Magister und Doktor in Politikwissenschaft) und Brünn (Magister in Romanistik und Germanistik sowie Doktor in Komparatistik). Zudem studierte sie noch an der Université Paris/Sorbonne. Seit 2008 schreibt sie als Auslandskorrespondentin für tschechische Medien und engagiert sich gegen Rechtsextremismus und für Multikulturalismus.

 

Der Artikel wurde im Mai 2014 bei jádu-dem jungen, deutsch-tschechischen Online-Magazin veröffentlicht.

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